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Temps de guerre

Vom Zivilisten zum Hilfspolizisten

Wie die Mobilmachung im Herbst 1939 meinen Alltag veränderte1939 · Schweiz | Kriegszeit · Alltag · LuftschutzNoch wenige Wochen zuvor führte ich das Leben eines gewöhnlichen Zivilisten.Wie Millionen andere Menschen…

Zurich 1939 Souvenir personnel

Cette histoire a été racontée en allemand et est présentée dans sa version originale.

L’histoire

Wie die Mobilmachung im Herbst 1939 meinen Alltag veränderte

1939 · Schweiz | Kriegszeit · Alltag · Luftschutz


Noch wenige Wochen zuvor führte ich das Leben eines gewöhnlichen Zivilisten.

Wie Millionen andere Menschen in Europa las ich die Zeitungen. Man sprach über Deutschland, Polen, Frankreich und darüber, ob es tatsächlich wieder zu einem grossen Krieg kommen würde. Die Nachrichten wurden von Woche zu Woche bedrohlicher. Trotzdem ging das tägliche Leben weiter.

Man stand morgens auf. Man ging zur Arbeit. Geschäfte öffneten ihre Türen. Züge fuhren nach Fahrplan. Kinder gingen zur Schule. In den Restaurants wurde diskutiert, auf den Strassen begegneten sich Nachbarn, und am Abend kehrte man nach Hause zurück. Der Krieg war etwas, das noch ausserhalb unserer Grenzen stattfand.

Dann änderte sich alles.

Ende August 1939 war die politische Lage in Europa so angespannt, dass kaum noch jemand glaubte, die Krise könne friedlich gelöst werden. Am 30. August wählte die Vereinigte Bundesversammlung Henri Guisan zum General und damit zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee. Nach dem deutschen Angriff auf Polen folgte Anfang September die allgemeine Mobilmachung.

Für uns bedeutete das nicht einfach eine neue Schlagzeile in der Zeitung. Plötzlich war der Krieg Teil unseres täglichen Lebens.

Die Mobilmachung

Überall tauchten Mobilmachungsbefehle auf. Menschen blieben vor Anschlägen stehen und lasen die Bekanntmachungen. Männer wussten, dass sie innerhalb kurzer Zeit ihre Familien, ihre Arbeitsplätze und ihre gewohnte Umgebung verlassen mussten.

Auf den Bahnhöfen herrschte eine Stimmung, die man kaum beschreiben konnte. Es gab Soldaten mit Gepäck, Familienangehörige, die sie begleiteten, Kinder, die ihren Vätern nachschauten, und Frauen, die versuchten, sich ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen. Züge brachten Männer zu ihren Einheiten.

Auch in den Städten war die Veränderung sofort sichtbar:

  • Eine der Massnahmen bestand sogar darin, Wegweiser zu entfernen. Niemand sollte einem möglichen Angreifer die Orientierung erleichtern.
  • Männer wurden eingezogen.
  • Frauen mussten in vielen Betrieben, Geschäften und Bauernhöfen Aufgaben übernehmen, die zuvor von den mobilisierten Männern erledigt worden waren.

Die Schweiz befand sich nicht im Krieg. Aber niemand wusste, ob das so bleiben würde. Und genau diese Unsicherheit war überall zu spüren.

Ich war kein Soldat an der Grenze

Nicht jeder Mann befand sich mit einem Gewehr an einem Grenzposten. Ein moderner Krieg bedrohte nicht nur Soldaten an der Front. Flugzeuge konnten Städte erreichen. Bomben konnten Häuser treffen. Brände konnten ganze Quartiere gefährden. Deshalb bekam der Luftschutz eine neue Bedeutung.

Und so begann auch für mich ein völlig anderer Abschnitt meines Lebens: Aus einem gewöhnlichen Zivilisten wurde innerhalb kurzer Zeit ein Hilfspolizist im Luftschutz.

Der Titel klingt vielleicht beeindruckender, als sich die Sache für uns damals anfühlte. Wir waren keine Berufspolizisten. Wir waren Menschen aus dem normalen Alltag, die plötzlich Aufgaben übernehmen sollten, auf die sich noch wenige Jahre zuvor kaum jemand ernsthaft vorbereitet hatte. Das Ziel war einfach: Sollte der Krieg die Schweiz erreichen, musste jemand dafür sorgen, dass in den Städten trotz Bombenangriffen, Bränden, Panik oder zerstörter Infrastruktur noch eine gewisse Ordnung bestand.

Historischer Kontext: Der ursprüngliche Bericht von Karl Räber beschreibt genau diese Erfahrung aus männlicher Perspektive. Ein späterer Beitrag des Schweizer Spiegel stellte ausdrücklich fest, dass Räber über seine Erlebnisse im Luftschutz berichtet hatte, und veröffentlichte als Gegenstück die Erfahrungen einer Frau im gleichen Dienst.

Eine neue Welt

Für einen Menschen, der bisher ein ziviles Leben geführt hatte, war schon die Organisation ungewohnt. Plötzlich gab es Vorgesetzte. Es gab Befehle. Es gab Zuständigkeiten. Man konnte nicht einfach entscheiden, dass man heute lieber etwas anderes machen wollte. Wenn Dienst war, war Dienst. Das Persönliche musste zurückstehen.

Wir mussten lernen, wie wir uns im Ernstfall verhalten sollten:

  • Was geschieht bei Fliegeralarm?
  • Wer kümmert sich um ein Haus?
  • Wer kontrolliert Strassen?
  • Wer hält Menschen davon ab, sich selbst in Gefahr zu bringen?
  • Wer hilft, wenn irgendwo Feuer ausbricht?

Viele dieser Fragen waren für die Bevölkerung neu. Heute gehört der Zivilschutz selbstverständlich zur Vorstellung davon, wie ein Staat auf Katastrophen reagiert. Damals musste vieles erst aufgebaut werden.

Historischer Kontext: Die Schweiz hatte in den Jahren vor dem Krieg erhebliche Mittel in Armee, Flugabwehr und Luftschutz investiert; Bundesarchiv-Unterlagen dokumentieren Luftschutzorganisation und entsprechende Bauten bereits ab den 1930er-Jahren.

Doch Papier und Organisation waren das eine. Der Mensch war etwas anderes.

Wenn aus Nachbarn Dienstkameraden werden

Das Merkwürdige an solchen Diensten war, dass dort Menschen zusammenkamen, die sich unter normalen Umständen vielleicht nie näher kennengelernt hätten. Der eine war Angestellter, ein anderer Handwerker, ein anderer vielleicht Kaufmann. Man kannte sich möglicherweise vom Sehen, aus dem Quartier oder überhaupt nicht.

Nun sollten dieselben Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Der Krieg machte keinen Unterschied zwischen Berufen. Wenn ein Haus brannte, spielte es keine Rolle, wer im normalen Leben im Büro sass und wer in einer Werkstatt arbeitete. Jeder musste wissen, was er zu tun hatte. Und man musste lernen, dem anderen zu vertrauen.

Denn hinter all unseren Übungen stand immer dieselbe Frage: Was geschieht, wenn es wirklich passiert?

Der Fliegeralarm

Das Flugzeug hatte den Krieg verändert. Die Front war nicht mehr unbedingt weit entfernt. Ein Bomber konnte Grenzen überfliegen und innerhalb kurzer Zeit eine Stadt erreichen. Für die Menschen bedeutete das, dass die eigene Wohnung plötzlich nicht mehr selbstverständlich ein sicherer Ort war.

Man beschäftigte sich mit:

  • Schutzräumen
  • Verdunkelung
  • Feuerbekämpfung
  • Gasgefahr
  • Alarmorganisation

Historischer Kontext: Fotos aus der Mobilmachungszeit zeigen Angehörige der zivilen Dienste mit Gasmasken und Ausrüstung für die Brandbekämpfung. Auch Frauen leisteten entsprechende Dienste.

Die Gasmaske war dabei ein besonders sichtbares Symbol dieser neuen Zeit. Noch vor wenigen Jahren hätte es absurd gewirkt, sich vorzustellen, dass gewöhnliche Schweizer Bürger möglicherweise eine solche Maske benötigen könnten. Nun war sie Teil der Vorbereitung auf einen Krieg, von dem niemand wusste, wie er geführt werden würde. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg war noch vorhanden. Man wusste, dass chemische Waffen existierten. Niemand konnte garantieren, dass sie in einem neuen Krieg nicht gegen Städte eingesetzt würden.

Zwischen Ernst und Alltag

Trotz allem blieben wir Menschen. Und Menschen können nicht wochenlang ausschliesslich in Angst leben. Auch während eines Dienstes entstehen kleine Gespräche, Missverständnisse und komische Situationen. Man gewöhnt sich an Uniformteile, Befehle und neue Abläufe. Was am ersten Tag ungewöhnlich wirkt, ist wenige Wochen später bereits beinahe Routine.

Vielleicht war gerade das eine der erstaunlichsten Veränderungen jener Zeit: Der Ausnahmezustand wurde zum Alltag.

Man stand morgens auf und wusste inzwischen, wohin man musste. Man kannte seine Kameraden. Man kannte seine Aufgaben. Man wusste, welche Ausrüstung wohin gehörte. Und trotzdem genügte eine neue Nachricht aus dem Ausland, um einem wieder bewusst zu machen, warum wir überhaupt dort waren: Polen, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien. Jeder neue Bericht konnte bedeuten, dass der Krieg näher kam.

Zu Hause ging das Leben weiter

Doch während Männer mobilisiert wurden oder Hilfsdienst leisteten, verschwanden die normalen Verpflichtungen nicht. Rechnungen mussten weiterhin bezahlt werden. Geschäfte mussten funktionieren. Bauernhöfe mussten bewirtschaftet werden. Kinder mussten versorgt werden.

Das war eine Seite der Mobilmachung, über die man leicht vergisst zu sprechen. Für jeden Mann, der plötzlich fehlte, musste jemand anderes zusätzliche Aufgaben übernehmen. Viele Frauen standen deshalb praktisch von einem Tag auf den anderen vor einer völlig neuen Situation.

Historischer Kontext: Swissinfo beschreibt die Mobilmachung rückblickend genau als diesen Einschnitt: Männer wurden eingezogen, während Frauen in Betrieben und auf Bauernhöfen vielfach allein zurückblieben oder zusätzliche Verantwortung übernahmen.

Der Krieg veränderte die Schweiz also schon, bevor auch nur eine feindliche Armee die Grenze überschritten hatte.

Wir wussten nicht, was kommen würde

Das darf man heute nicht vergessen. Wir kennen das Ende der Geschichte. Wir wissen, dass die Schweiz nicht besetzt wurde. Wir wissen, dass der Zweite Weltkrieg 1945 endete. Ein Mensch im September oder Oktober 1939 wusste all das nicht.

Für uns gab es kein Geschichtsbuch, in dem wir einfach einige Seiten weiterblättern konnten. Niemand wusste, wie Europa in sechs Monaten aussehen würde. Niemand wusste, ob die Schweizer Neutralität respektiert werden würde. Niemand wusste, ob wir eines Morgens tatsächlich feindliche Flugzeuge über unseren Städten sehen würden. Genau deshalb wurden diese Vorbereitungen ernst genommen.

Historischer Kontext: Die offizielle Schweizer Haltung lautete, dass das Land seine Neutralität verteidigen wolle. Im September 1939 erklärte die Schweiz ihre Neutralität und mobilisierte schrittweise Grenzschutztruppen und die gesamte Armee; die allgemeine Mobilisierung war am 3. September mittags abgeschlossen.

Doch Neutralität war kein Schutzschild, das automatisch funktionierte. Sie musste glaubwürdig verteidigt werden.

Ein Land verändert sein Gesicht

Die Mobilmachung konnte man sehen. Nicht nur an Soldaten und an Uniformen. Man sah sie an vielen Aspekten des Alltags:

  • An Bahnhöfen und auf Strassen.
  • An fehlenden Wegweisern.
  • An Frauen, die plötzlich Tätigkeiten übernahmen, bei denen man zuvor fast ausschliesslich Männer gesehen hatte.
  • An den Vorbereitungen zum Luftschutz (Gasmasken, Verdunkelungsmassnahmen).
  • An den Gesprächen der Menschen und an den Zeitungen.

Ein Kiosk war plötzlich nicht mehr nur ein Ort, an dem man eine Zeitung kaufte. Die Schlagzeilen dort konnten darüber entscheiden, ob Menschen noch am selben Tag ihre Sachen packen mussten. Ein Bahnhof war nicht mehr nur ein Ort der Reise – er wurde zum Ort des Abschieds. Ein Keller war nicht mehr nur ein Keller – man begann darüber nachzudenken, ob er im Ernstfall Schutz bieten konnte.

Was macht ein Hilfspolizist?

Die Aufgabe hatte nichts mit dem Bild eines gewöhnlichen Polizisten zu tun, der Diebe verfolgt oder den Verkehr kontrolliert. Im Luftschutz stand etwas anderes im Vordergrund: Organisation, Sicherheit, Hilfe und Ordnung in einem möglichen Ausnahmezustand.

Denn bei einem Luftangriff bestand die Gefahr nicht nur durch Bomben:

  • Es konnte Brände geben.
  • Menschen konnten in Panik auf die Strasse laufen.
  • Zugänge mussten freigehalten werden.
  • Verletzte brauchten Hilfe.
  • Gebäude mussten kontrolliert werden.
  • Informationen mussten weitergegeben werden.

Man musste also lernen, ruhig zu bleiben, gerade wenn andere Menschen es vielleicht nicht mehr konnten. Das war wahrscheinlich eine der wichtigsten Fähigkeiten. Nicht Kraft. Nicht Mut im heroischen Sinn. Sondern Ruhe.

Warten auf etwas, das hoffentlich niemals geschieht

Das ist das Merkwürdige an einem solchen Dienst. Man bereitet sich intensiv auf einen Augenblick vor, von dem man gleichzeitig hofft, dass er niemals kommt. Jede Übung hatte dieses Paradox: Wir sollten bereit sein, aber wir wollten unser Wissen niemals wirklich einsetzen müssen.

Wir lernten für Brände, die hoffentlich nie ausbrechen würden. Für Angriffe, die hoffentlich nie stattfinden würden. Für eine Katastrophe, die hoffentlich ausblieb. Und doch durfte man gerade deshalb die Vorbereitung nicht vernachlässigen. Denn wenn der Ernstfall tatsächlich kam, war es zu spät, mit dem Lernen zu beginnen.

Die Schweiz im Herbst 1939

Von aussen konnte das Land ruhig wirken. Die Berge standen noch immer dort, wo sie vorher gestanden hatten. Die Seen sahen genauso aus. Die Kühe standen auf den Weiden. Die Züge fuhren. Die Menschen gingen zur Arbeit. Aber unter dieser Oberfläche hatte sich etwas verändert. Das Land wartete.

Historischer Kontext: Die Schweizer Armee bezog nach der Mobilmachung zunächst Bereitschafts- und Neutralitätsschutzstellungen. Mit der Veränderung der militärischen Lage in Europa wurden die Verteidigungspläne später mehrfach angepasst.

Für den normalen Bürger waren solche strategischen Überlegungen allerdings weit entfernt. Wir dachten eher an unsere Familien, an unsere Häuser, an unsere Stadt, an die nächste Nacht. Und an die Frage, ob morgen wieder alles so sein würde wie heute.

Vom Zivilisten zum Hilfspolizisten

Noch kurze Zeit zuvor hätte ich mich einfach als Zivilisten bezeichnet. Dann erhielt ich eine Aufgabe, eine Funktion und Verantwortung innerhalb des Luftschutzes. Vielleicht beschreibt gerade diese Veränderung den Herbst 1939 besser als grosse politische Worte.

Europa veränderte sich nicht nur in den Regierungspalästen. Der Krieg veränderte Menschen: Den Bahnangestellten, den Bauern, die Hausfrau, den Geschäftsinhaber, den Arbeiter, den Lehrer. Und eben auch einen gewöhnlichen Zivilisten, der plötzlich Hilfspolizist wurde. Unser Leben war nicht mehr nur unser eigenes. Von einem Tag auf den anderen mussten viele von uns einen kleinen Teil der Verantwortung dafür übernehmen, dass das Land auch in einer Krise weiterfunktionierte.

 

Was mir aus dieser Zeit blieb

Wenn man mitten in einem historischen Ereignis lebt, weiss man selten, dass Menschen Jahrzehnte später darüber lesen werden. Für uns war es kein Kapitel mit der Überschrift „Zweiter Weltkrieg“. Es war Montag. Dienstag. Mittwoch. Es waren gewöhnliche Tage in einer ungewöhnlichen Zeit.

Man ging zum Dienst. Man wartete. Man hörte Nachrichten. Man sprach miteinander. Man ging wieder nach Hause. Und am nächsten Morgen begann alles von vorne.

Vielleicht liegt gerade darin der Wert solcher Erinnerungen. Geschichte besteht nicht nur aus Generälen, Regierungen, Grenzen und Schlachten. Geschichte besteht auch daraus, dass ein Mensch morgens sein Haus verlässt und am Abend mit einer Aufgabe zurückkehrt, die er wenige Wochen zuvor noch nicht kannte.

Aus einem Zivilisten wurde ein Hilfspolizist. Aus Frieden wurde Bereitschaft. Aus Selbstverständlichkeit wurde Unsicherheit. Und aus dem ganz normalen Herbst des Jahres 1939 wurde ein Herbst, den niemand mehr vergessen sollte.

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