Basel: Schattenseiten
Heute erweitere ich meine Sammlung Schattenseiten um dieses Bild von Basel (um 1831). Was es zeigt, hat mich sofort angezogen. Was das Bild zeigt: …
Zones d’ombre
Wie ich 1939 meine Existenz in Deutschland zurückliess und als Soldat in die Schweiz zurückkehrteWenn ich heute an den Sommer 1939 zurückdenke, erscheint mir mein damaliges Leben beinahe wie das…
Cette histoire a été racontée en allemand et est présentée dans sa version originale.
Wenn ich heute an den Sommer 1939 zurückdenke, erscheint mir mein damaliges Leben beinahe wie das Leben eines anderen Menschen.
Ich hatte ein Geschäft. Eine Wohnung. Einen festen Kundenkreis. Ich besass einen Wagen und hatte mir nach vielen Jahren harter Arbeit ein beträchtliches Vermögen aufgebaut. Ich war noch nicht alt, und trotzdem hatte ich das Gefühl, endlich dort angekommen zu sein, wo ich immer hatte sein wollen.
Nur wenige Tage später sass ich in einem Zug Richtung Schweiz. Hinter mir blieb fast alles zurück:
Und ich wusste nicht, ob ich jemals zurückkehren würde. Dabei hatte alles viele Jahre zuvor ganz unspektakulär begonnen.
1924 absolvierte ich meine Rekrutenschule in der Schweiz. Wie für viele junge Männer meiner Generation begann danach die Suche nach einem Platz im Leben. Ich war gelernter Optiker und wollte in meinem Beruf arbeiten. Doch eine passende Stelle zu finden, war nicht einfach. Also entschied ich mich, die Schweiz zu verlassen.
Damals war das nichts Aussergewöhnliches. Viele Schweizer gingen für einige Jahre ins Ausland. Manche nach Frankreich, andere nach Deutschland oder noch weiter weg. Man suchte Arbeit, Erfahrung und vielleicht auch eine Möglichkeit, sich etwas aufzubauen.
Auch ich zog zunächst nach Frankreich. Ich hatte gute Zeugnisse und eine solide Ausbildung, doch mein Aufenthalt dort blieb kurz. Schon bald ergab sich eine bessere Möglichkeit in Deutschland. So kam ich in eine grosse Stadt am Rhein. Ich kannte dort zunächst kaum jemanden. Ich war Schweizer, jung und ehrgeizig, und mein wichtigstes Kapital waren meine Ausbildung und meine Bereitschaft zu arbeiten. Ich nahm eine Stelle als Optiker an. Am Anfang dachte ich nicht an ein eigenes Geschäft. Ich dachte nur daran, Geld zu verdienen und auf eigenen Füssen zu stehen.
Ich lebte sparsam. Sehr sparsam. Was ich nicht unbedingt brauchte, kaufte ich nicht. Ich ging nicht ins Ausland, um ein bequemes Leben zu führen. Ich wollte mir etwas aufbauen. Monat für Monat legte ich Geld zurück. Es ging langsam. Manchmal fragte ich mich, ob all die Einschränkungen überhaupt etwas bringen würden. Doch ich hielt durch.
Fünf Jahre dauerte es. Dann hatte ich genug gespart, um den Schritt zu wagen, von dem ich lange geträumt hatte: Ich eröffnete mein eigenes Optikergeschäft.
An den ersten Tag erinnere ich mich noch gut. Plötzlich war da nicht mehr der Arbeitsplatz eines anderen Mannes. Da war mein eigenes Schaufenster. Meine eigenen Waren. Mein eigener Name. Meine Verantwortung. Wenn kein Kunde kam, war das mein Problem. Wenn etwas schiefging, musste ich dafür geradestehen. Aber wenn es gut lief, gehörte der Erfolg ebenfalls mir. Und es lief gut. Nicht sofort. Aber langsam und stetig.
Am Anfang musste ich um jeden einzelnen Kunden kämpfen. Menschen kaufen eine Brille nicht unbedingt dort, wo gerade ein neues Geschäft eröffnet hat. Vertrauen muss wachsen. Also arbeitete ich sorgfältig. Ich nahm mir Zeit. Ich versuchte, jeden Kunden so zu behandeln, dass er wiederkommen wollte.
Es funktionierte. Die ersten Kunden kamen zurück. Dann schickten sie Bekannte. Später kamen ganze Familien. Mit den Jahren entwickelte sich ein fester Kundenstamm. Auch Krankenkassen, Spitäler und andere Institutionen gehörten schliesslich zu meinen Kunden. Für einen Mann, der einige Jahre zuvor nur mit seinen Zeugnissen und ein paar persönlichen Sachen ins Ausland gekommen war, bedeutete das sehr viel. Ich hatte es geschafft. Zumindest glaubte ich das damals.
Im Alltag spielte meine Herkunft erstaunlich selten eine Rolle. Viele Menschen wussten gar nicht, dass ich Schweizer war. Ich sprach Deutsch, arbeitete dort und führte mein Geschäft wie jeder andere. Erst wenn meine Herkunft zur Sprache kam, merkte ich manchmal, wie wenig einige Menschen über die Schweiz wussten.
Es kam vor, dass mich jemand fragte, ob ich vielleicht aus Innsbruck sei. Ich musste dann erklären, dass Innsbruck in Österreich liegt. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurden die Fragen manchmal noch merkwürdiger. Manche Menschen schienen nicht genau zu wissen, wo Österreich endete und wo die Schweiz begann. Einige hatten offenbar die Vorstellung, dass die Schweiz vielleicht irgendwann ebenfalls Teil Deutschlands werden könnte.
Ich fand solche Gespräche befremdlich. Natürlich lebte ich gerne dort. Deutschland hatte mir Arbeit gegeben. Ich hatte dort Freunde und Kunden. Mein Geschäft stand dort. Aber ich war Schweizer. Daran bestand für mich nie ein Zweifel.
In den dreissiger Jahren veränderte sich Deutschland stark. Politisch war vieles anders geworden. Auch wirtschaftlich waren die Verhältnisse ungewöhnlich. Viele Menschen wollten ihr Geld nicht einfach auf der Bank liegen lassen. Wer konnte, kaufte Sachwerte.
Das merkte ich auch in meinem Geschäft. Optische Geräte waren gefragt: Kameras, Ferngläser, Vermessungsinstrumente. Teilweise hätte ich deutlich mehr verkaufen können, wenn die Hersteller überhaupt genügend Ware geliefert hätten. Die Nachfrage war da. Manchmal warteten Kunden auf Produkte, die ich selbst kaum beschaffen konnte.
Für mein Geschäft bedeutete das gute Jahre. Ich verdiente ordentlich. Meine Frau und ich konnten uns ein angenehmes Leben leisten. Nach Jahren des Sparens kaufte ich mir sogar einen kleinen Wagen. Ich bezahlte ihn bar. Darauf war ich stolz. Nicht wegen des Autos selbst, sondern weil es für mich ein Zeichen dafür war, wie weit ich gekommen war. Ich war nicht reich geboren worden. Niemand hatte mir ein Geschäft geschenkt. Alles, was wir hatten, war durch Arbeit entstanden. Unser Besitz bedeutete für mich Sicherheit. Zumindest dachte ich das.
Mit der Zeit wurde die politische Lage immer bedrohlicher. Man sprach über Polen, Frankreich und England. Überall kursierten Gerüchte. Niemand wusste genau, was passieren würde. Aber gegen Ende August 1939 merkte jeder, dass etwas bevorstand.
Die Stimmung veränderte sich. Menschen hörten genauer Radio. Zeitungen wurden sofort gelesen. Auf den Strassen wurde diskutiert. In meinem Geschäft sprachen die Kunden plötzlich weniger über Brillengläser und Kameras. Sie sprachen über Krieg. Noch war kein Krieg erklärt. Aber man konnte ihn beinahe spüren.
Ein Erlebnis blieb mir besonders im Gedächtnis. Etwa fünf Tage vor dem Kriegsausbruch hielt bei einer Baustelle ein Lastwagen. Männer der SA stiegen aus. Sie hatten eine Liste bei sich. Dann wurden Namen aufgerufen. Ungefähr dreissig Arbeiter mussten ihre Arbeit sofort unterbrechen. Man sagte ihnen, sie müssten mitkommen. Einfach so.
Viele hatten kaum Zeit, ihre Sachen zusammenzupacken. Manche konnten sich nicht richtig von ihren Frauen oder Kindern verabschieden. Noch am selben Tag sollten sie ausgerüstet und weitertransportiert werden. Richtung Westwall.
Ich beobachtete das. Und zum ersten Mal fragte ich mich ganz konkret: Was passiert eigentlich mit mir, wenn der Krieg beginnt? Ich war Schweizer. Ich gehörte nicht zur deutschen Armee. Doch natürlich wusste ich, dass auch die Schweiz auf eine Mobilmachung vorbereitet war. Trotzdem blieb das alles lange abstrakt. Bis der Brief kam.
Es war Samstagabend. Ich erhielt die Nachricht des Schweizer Konsulats. Ich sollte in die Schweiz zurückkehren. Nicht irgendwann. Nicht in einigen Wochen. Am Montagmorgen.
Ich las die Nachricht mehrmals. Samstagabend. Sonntag. Montag Abreise. Das war die Zeit, die mir blieb. Ein einziger Sonntag. Ein Tag, um ein Leben zu ordnen, das ich über Jahre aufgebaut hatte. Aber wie sollte das gehen?
Mit all den Dingen, von denen man noch am Freitag geglaubt hatte, man würde sie am Montag wieder brauchen? Die Antwort war einfach: Man konnte es nicht.
Am Sonntag begriff ich, dass ich keine wirkliche Wahl hatte. Ich konnte mein Leben nicht ordentlich abschliessen. Also versuchte ich nur, das Wichtigste zu tun. Ich ging durch mein Geschäft. Ich sah die Regale, die Instrumente, die Brillenfassungen, die Geräte. Alles war dort, wo es immer gewesen war. Nur ich würde am nächsten Tag nicht mehr dort sein.
Ich schloss den Laden. Dann schloss ich unsere Wohnung. Die Schlüssel gab ich einem deutschen Bekannten, dem ich vertraute. Mehr konnte ich nicht tun. In meinem Geschäft blieb ein Warenlager im Wert von mindestens 60’000 Mark zurück.
60’000 Mark. Eine enorme Summe. Jahrelange Arbeit steckte darin. Jede eingesparte Mark. Jeder gute Monat. Jeder Kunde. Jede Stunde, die ich länger arbeitete, lag nun hinter einer verschlossenen Tür. Und ich musste gehen.
Das Schlimmste war die Ungewissheit. Wenn mir jemand gesagt hätte: „Du bist drei Monate weg, danach kommst du zurück und alles ist wie vorher“, dann wäre es vielleicht leichter gewesen. Aber niemand konnte das sagen. Niemand wusste, wie lange der Krieg dauern würde.
Ich wusste auch nicht, was mit der Stadt am Rhein geschehen würde:
Das waren Gedanken, die man nicht laut aussprechen wollte. Aber sie waren da.
Am Montag verliessen wir Deutschland. Ich hatte das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen. Hinter mir war das Land, in dem ich mein erwachsenes Leben verbracht hatte. Dort stand mein Geschäft, lag ein grosser Teil meines Vermögens und waren Menschen, die ich seit Jahren kannte. Vor mir lag die Schweiz. Meine Heimat. Aber auch die Armee. Mobilmachung. Ungewissheit.
Während der Zug fuhr, dachte ich ständig an meinen Laden. Habe ich alles richtig abgeschlossen? Habe ich jemandem etwas Wichtiges nicht gesagt? Was passiert mit den offenen Rechnungen? Dann sagte ich mir immer wieder: Du kannst jetzt sowieso nichts mehr ändern.
Als wir uns Basel näherten, geschah etwas, das ich nie vergessen werde. Ich sah Schweizer Fahnen. Vielleicht klingt das heute banal. Ein Stück Stoff. Aber für mich bedeutete sie in diesem Moment etwas völlig anderes.
Ich hatte viele Jahre im Ausland gelebt. Im Alltag hatte ich kaum darüber nachgedacht, was Heimat eigentlich bedeutet. Man denkt an das Geschäft, an Geld, an die Familie. Aber in diesem Moment, im Zug, beim Anblick der Schweizer Fahnen, war alles plötzlich sehr klar. Ich war wieder zu Hause. Ich war Schweizer Boden nahe. Und zum ersten Mal seit Tagen fühlte ich etwas wie Erleichterung. Nicht weil meine Probleme gelöst waren – sie waren es nicht – sondern weil ich wusste, dass ich nun dort war, wo ich hingehörte.
Für meine Frau war die Situation noch einmal anders. Sie stammte ursprünglich aus Deutschland. Nun verliess auch sie das Land, in dem wir gelebt hatten. Ich erinnere mich, dass ich in Basel einen besonderen Stolz empfand. Nicht Stolz gegenüber den Deutschen. Nicht Hass. Es ging um das Gefühl, dass die Schweiz uns aufnahm. Dass ich nicht einfach ein Flüchtender war. Ich kam als Schweizer zurück.
Am Bahnhof wurden wir freundlich empfangen. Vertreter der Armee waren dort. Menschen halfen. Nach den hektischen Tagen in Deutschland fühlte sich das beinahe unwirklich an. Doch viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Ich musste einrücken.
Der Unterschied zwischen meinem alten und meinem neuen Leben hätte kaum grösser sein können. In Deutschland hatte ich ein erfolgreiches Geschäft geführt. Mein gesamtes Vermögen schätzte ich damals auf fast 100’000 Franken.
Und nun? Nun stand ich in der Schweiz und konnte über fast nichts davon verfügen. Aus Deutschland durfte man nur wenig Bargeld mitnehmen: Zehn Mark für mich. Zehn Mark für meine Frau. Das war alles. Es ist ein seltsames Gefühl, auf dem Papier wohlhabend zu sein und gleichzeitig kaum Geld in der Tasche zu haben. Mein Vermögen war da. Aber ich konnte es nicht erreichen. Es lag in einem Land im Krieg.
Meine Frau kam vorerst bei Verwandten in Bern unter. Das beruhigte mich. Wenigstens wusste ich, dass sie nicht allein war. Für mich selbst war das Leben plötzlich sehr einfach geworden. Ich bekam eine Uniform, zu essen und einen Schlafplatz. Eigentlich hatte ich alles, was ein Soldat unmittelbar brauchte.
Und trotzdem musste ich mich erst daran gewöhnen. Noch wenige Tage zuvor hatte ich selbst entschieden, was ich tat. Nun war mein Tagesablauf vorgegeben. Andere sagten mir, wann ich aufzustehen hatte, wann ich antreten musste und was zu tun war. Aus dem selbständigen Geschäftsmann war innerhalb weniger Tage wieder ein Soldat geworden.
Es gab Momente, in denen mir die ganze Situation beinahe absurd vorkam. Ich besass auf dem Papier ein beträchtliches Vermögen, und nun hatte ich manchmal nicht einmal genügend Kleingeld, um mir ein Bier zu kaufen. Dann wartete ich auf meinen Sold. Nicht weil ich arm geworden war. Sondern weil ich von allem, was mir gehörte, abgeschnitten war.
Ich dachte oft an meinen Laden. Stand das Schaufenster noch? Kam vielleicht ein Kunde vorbei und stellte fest, dass die Tür geschlossen war? Fragten sich die Leute, wohin ich verschwunden war? Solche Gedanken kamen besonders am Abend. Wenn der militärische Alltag ruhiger wurde, kehrte mein altes Leben im Kopf zurück.
Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, zwei verschiedene Leben zu besitzen:
Zwischen diesen beiden Leben lagen nur wenige Tage. Das war vielleicht das Erschreckendste. Wir Menschen glauben gerne, dass unser Leben stabil ist. Wir machen Pläne. Wir sparen. Doch Ende August 1939 lernte ich: Manchmal braucht es nur einen Brief. Und zwei Tage später ist das alte Leben vorbei.
Natürlich dachte ich häufig über mein Geschäft nach. Was würde damit geschehen, wenn der Krieg lange dauerte? Würden meine Waren ihren Wert behalten? Würde mein Bekannter sich weiterhin darum kümmern können?
Ich konnte nichts kontrollieren. Und für einen selbständigen Mann war gerade das besonders schwierig. Ich war gewohnt, Probleme selbst zu lösen. Doch jetzt gab es nichts, was ich tun konnte. Ich musste warten. Das war alles. Warten und hoffen.
Vor dem Krieg hätte ich wahrscheinlich gesagt: Natürlich bin ich Schweizer. Aber ich hätte nicht lange darüber gesprochen. Es war einfach eine Tatsache.
Erst in jenen Tagen verstand ich, dass Heimat etwas ist, das man manchmal erst spürt, wenn man sie verloren glaubt. Als ich die Schweizer Fahnen bei Basel sah, bedeuteten sie mir mehr als jemals zuvor. Nicht, weil die Schweiz perfekt geworden wäre, sondern weil ich wusste: Hier gehöre ich hin. Hier war ich nicht der Ausländer. Hier hatte ich Rechte, aber auch Pflichten. Und eine dieser Pflichten führte mich nun in die Armee.
Im September 1939 konnte niemand wissen, wie dieser Krieg enden würde. Wir wussten nicht, dass Europa jahrelang im Krieg bleiben würde, welche Städte zerstört oder ob die Schweiz selbst hineingezogen werden würde.
Jeden Tag warteten wir auf Nachrichten. Manchmal verbreiteten sich Gerüchte schneller als Fakten. Und während Europa immer tiefer in den Krieg geriet, dachte ich an einen kleinen Laden in einer deutschen Stadt am Rhein. Hinter der Tür lagen meine Waren. Meine Arbeit. Ein grosser Teil meines Lebens.
Manchmal fragte ich mich, was von einem Menschen eigentlich bleibt, wenn man ihm seinen Besitz nimmt. Ich hatte jahrelang geglaubt, Sicherheit bedeute Geld auf der Seite, ein Geschäft, ein Auto, eine Wohnung.
1939 lernte ich, dass man all diese Dinge besitzen und trotzdem von einem Tag auf den anderen ohne sie dastehen kann. Ich hatte mein Vermögen nicht verloren – aber ich hatte den Zugriff darauf verloren. Was mir blieb, war etwas anderes:
Mehr konnte ich in diesem Augenblick nicht mitnehmen.
Manchmal denke ich an den Montagmorgen zurück, an dem ich Deutschland verliess. Wenn ich damals gewusst hätte, was Europa bevorstand, hätte ich den Abschied wahrscheinlich anders erlebt. Vielleicht hätte ich länger im Geschäft gestanden. Vielleicht hätte ich mich von mehr Menschen verabschiedet.
Doch damals glaubten wir alle, dass vieles vielleicht nur vorübergehend sei. Der Mensch klammert sich gerne an solche Hoffnungen.
Ich verliess Deutschland mit einem Koffer. Hinter mir blieb ein Geschäft mit Waren im Wert von mindestens 60’000 Mark. Mein gesamtes Vermögen belief sich auf beinahe 100’000 Franken. Und trotzdem war das Wertvollste, was ich auf dieser Reise besass, wahrscheinlich kein Geld. Es war das Gefühl, bei der Fahrt über die Grenze plötzlich zu wissen: Ich bin wieder zu Hause.
Wenige Tage zuvor war ich ein erfolgreicher Optiker und Geschäftsmann am Rhein gewesen. Nun trug ich wieder die Uniform der Schweizer Armee. Der Krieg hatte mein Leben innerhalb von zwei Tagen verändert. Und ich wusste nicht, ob das Leben, das ich hinter mir gelassen hatte, jemals wieder auf mich warten würde.
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